Byebye, blaues Vögelchen

Wenn man sich die jüngste Geschichte rund um Twitter ausgedacht hätte, wäre sie garantiert aufgrund von Absurdität und Irrationalität abgelehnt worden. Einer der reichsten Männer der Welt kauft eines der größten sozialen Netzwerke der Welt, nur um mit immer neuen abstrusen Ideen und Aktionen Wert und Image zu zerstören? Aber manchmal ist die Realität eben grotesker als alles, was man sich so ausdenken könnte. Darum möchte ich euch heute mitnehmen auf eine kleine Reise durch die letzten Monate einer Plattform und zu meinen Gedanken, warum der Abschied von Twitter trotz aller Probleme ein Verlust für die Gesellschaft ist.

News, Verbundenheit und Hashtag-Aktivismus

Ich mochte Twitter. Ich war dort immer lieber als auf Instagram oder gar Facebook unterwegs. Ja, es gibt eine Menge Schwachsinn und Hass und Vollidiot:innen auf der Plattform. Aber eben auch schnelle Informationen zum aktuellen Weltgeschehen, gute Witze und auch viel Verbundenheit. In Tweets können Bilder, Videos und Hyperlinks eingebaut werden, auch wenn der Fokus eher auf Schrift als Bild liegt, was mir als Textmenschen entgegenkommt. Twitter war wichtige Plattform für politische Bewegungen – von sehr fragwürdigen Tweets eines megalomanen US-Präsidenten zu vielen Protesten, etwa denen im Iran (Jin, Jiyan, Azadî!) seit letztem Jahr, und vielem davor, daneben und danach. #metoo kommt von Twitter sowie viele verschiedene andere Bewegungen, die sich oft dem sogenannten Hashtag-Aktivismus zuordnen lassen. Ich selbst habe Twitter auch tatsächlich im Arbeitskontext als Quelle verwendet, wenn ich schnell aktuelle Infos aus Ländern haben wollte, die sich vielleicht nicht auf der Tagesschau-Startseite finden. Sehr stark ist Twitter außerdem, was Live-Blogging zu gegenwärtigen Events angeht, von Sportveranstaltungen und Taylor Swift-Ticketverkäufen bis zu Militärputschen. Es ist ja nicht umsonst offiziell ein Mikroblogging- und Kurznachrichtendienst, ob jetzt mit 140 oder 280 Zeichen pro Tweet.

Plattform mit X

Aber Twitter existiert nicht mehr und das meine ich im doppelten Sinne. Erstens hat die Plattform sich seit ihrer Übernahme durch Elon Musk Ende Oktober 2022 stark verändert, sodass die negativen Seiten so viel mehr in den Vordergrund rücken und die guten stark einbüßen. Zweitens heißt Twitter gar nicht mehr Twitter seit neustem, es heißt jetzt X. Diese Umbenennung und die damit einhergehende Änderung des bekannten Logos mit dem blauen Vogel in ein X in Standardschrift hat zu einigen sehr unterhaltsamen Konsequenzen geführt. Etwa ihrer Ähnlichkeit zu verschiedenen Pornoseiten aufgrund von Namen und Logo, weswegen die Plattform in manchen Ländern dann direkt mal gesperrt wurde. Oder der Notwendigkeit für spezielle Genehmigungen, weil Websites oder Apps nicht nur aus einem Buchstaben bestehen dürfen (x.com führt übrigens zu twitter.com). Wieso man einen so starken Markennamen, der dazu noch weitere eigens anerkannte Wörter (Tweet, tweeten, twittern) mit sich bringt, in so einen beliebigen Buchstaben umwandelt, um ihn bisher nicht sehr erfolgreich an die eigene Marke anzupassen, bleibt mir jedenfalls immer noch schleierhaft. Bisher nennt es ja auch niemand X, maximal „X (ehemals Twitter)“ im Schriftlichen, aber im Mündlichen habe ich das noch niemanden sagen gehört. Und bei xen als Verb denke ich ja mal an was ganz anderes.

PR done right. Von vielen Memes und Reaktionen auf die Umbenennung hat WWF Deutschland hier mit die beste Idee gehabt.

44 Milliarden Dollar hat Musk damals für Twitter ausgegeben. Was man alles Sinnvolles mit dem Geld hätte machen können… Nach der Übernahme der Firma entließ er stattdessen erstmal die Hälfte aller Mitarbeitenden und das war erst der Anfang. Dieser Beitrag ist nicht lang genug, um alle verrückten Aktionen aufzuzählen, die seitdem passiert sind. Und zum Teil hatten Änderungen an der Plattform auch nur ein paar Tage Bestand. Wahrscheinlich habt ihr einige mitbekommen und manche überhaupt nicht. Manche waren witzig, manche eher weniger. Und einige haben doch großen Einfluss auf die Plattform. Der Wertverlust eines blauen Hakens als Verifizierung für Glaubwürdigkeit, Bezahlsysteme, Einschränkung der Maximal-Anzahl von Tweets, die man an einem Tag sehen kann, Abgang von Werbekunden etcetcetc. Ich würde sagen, hier wurde viel Wert und Image verloren, aber es gibt auch Menschen, die das alles mit großem Wohlwollen betrachten und sich freuen, dass sie überhaupt wieder auf der Plattform aktiv sein können. Wahrscheinlich seid ihr nicht verwundert, dass es sich dabei eher um Menschen handelt, mit denen ich weder offline noch online verkehren möchte. Im Gegenzug ist die Art der Nutzung der Plattform von mir und vielen anderen (schnelle, verlässliche Informationen von verifizierten Quellen, Solidarität, Spaß), dafür nicht mehr gut möglich ist. Es ist doch gleichzeitig faszinierend und beängstigend zu sehen, wie ein Mensch mit viel Geld und Macht so viel Einfluss auf globaler Ebene nehmen kann.

Musk vs. Zuckerberg – Boxkampf der Fragilität des männlichen Egos

Es dürfte nicht erstaunen, dass es bei der ganzen Twitter-Übernahme oder eigentlich ebenfalls der Aktivität auf der Plattform generell auch sehr viel um fragile (männliche) Egos geht. Eine Geschichte, die ich hier aufgrund ihrer Absurdität noch erzählen möchte, und ich schwöre euch, ich mache keine Witze: Elon Musk und Mark Zuckerberg wollen einen Boxkampf austragen. Wahrscheinlich darum, wer von ihnen der unbeliebteste reichste Mensch ist. Na gut, das nicht. Entstanden sein soll diese Idee, nachdem Anfang des Jahres bereits Andeutungen laut wurden, dass Zuckerbergs Konzern Meta eine Konkurrenz zu Twitter herausbringen wolle. Woraufhin Musk irgendwann twitterte: „I’m up for a cage match when he is lol“. Zuckerberg verlangte Ort und Zeit. Nach viel Spott und Gefoppe online und zuletzt dem Vorschlag eines Trainings auf dem Rasen vor Zuckerbergs Haus und den Kampf im Kolosseum auszutragen, scheint das ganze allerdings wohl eher nicht stattzufinden. Wenn ihr mehr wissen wollt, einfach an die Suchmaschine eures Vertrauens wenden, selbst seriöse Nachrichtenmedien berichten. Die meisten wetten übrigens auf Zuckerberg, der sich seit einiger Zeit dem Kampfsport widmet. Sehr schön fand ich hier beispielsweise aber auch den Vergleich aus dem Lästerschwestern-Podcast, um die Absurdität des Ganzen zu verdeutlichen: Stellt euch mal von, die Chefs von BMW und Mercedes würden sich online die ganze Zeit anpöbeln und sagen, dass sie sich gegenseitig aufs Maul hauen wollen und sich dafür im Vorgarten des einen verabreden.

Es gibt natürlich auch die wildesten Verschwörungstheorien den Kampf, aber auch die Twitter-Übernahme und alles, was seitdem passiert ist betreffen. Alles nur PR? Stecken Zuckerberg und Musk doch gar unter einer Decke? Wollten sie Twitter zerstören, um eine eigene neue Plattform in der Art, ergo das tatsächlich von Meta vor Kurzem veröffentlichte und von Nutzer:innen schon sehr beanstandete Threads, groß machen zu können? Wer weiß, wer weiß…

Und jetzt?

Als neustes habe ich nun vernommen, dass die Blockfunktion, also die Möglichkeit, anderen Accounts zu verbieten, meine Inhalte sehen oder mich kontaktieren zu können, auf Twitter wegfallen soll. Und das wäre für diese doch nun sehr toxische Plattform absolut verheerend. Denn gerade Frauen erhalten dort so viel Hass, dass es absolut notwendig für die psychische (und tatsächlich leider auch physische) Gesundheit ist, dass man Menschen verbieten kann, die eigene Aktivität zu verfolgen. Gerade wenn es beispielsweise in das Terrain des Stalkings geht. Tatsächlich hat aber die Community-Factchecker-Funktion (noch so ein Novum) von Twitter selbst unter den Tweet von Musk gepostet, dass das nicht so einfach geht, denn Social Media Apps brauchen eine Blockfunktion, um im App-Store verfügbar zu sein. Es bleibt jedenfalls spannend auf der Plattform, denn wer weiß, was Musk sich als nächstes wieder ausdenkt und wer den Dienst wie in Zukunft nutzen wird.

Es ist wahrscheinlich nicht erstaunlich, dass immer mehr Menschen Twitter verlassen. Alternativen wie Mastodon oder das vom Twitter-Gründer Jack Dorsey nun betriebene Bluesky konnten sich noch nicht wirklich durchsetzen, ebenso wenig wie das bereits erwähnte Threads, also gibt es gerade eine sehr große Marktlücke, die zu bedienen wäre. Leider sind natürlich die Menschen, die Twitter hinter sich lassen, eher diejenigen, wegen denen ich die Plattform hauptsächlich auch nutze. Ich bin zwar gerade noch nicht ganz bereit, Twitter komplett aufzugeben. Aber ich glaube auch nicht, dass ich meinen Account in einem Jahr noch haben werde. Denn wie gesagt, es gibt Twitter ja eigentlich gar nicht mehr, sondern nur noch X. Insofern wird es wohl ein langsamer Abschied auch meinerseits vom kleinen blauen Vogel.

Beitragsbild: Unsplash/Ravi Sharma

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