Breaking Barriers The Casteless Collective

Unite beyond differences. That’s the real Magizhchi

We are slaves to none. That’s the real Magizhchi

Casteless Tamils we are. Let’s celebrate!

We don’t fear death. Let’s make a revolution!

Übersetzt aus dem Song Magizhchi von The Casteless Collective.

The Casteless Collective gibt es seit 2017. Die Band aus Chennai in Südindien besteht aus fünfzehn Musiker:innen, viele von ihnen kommen aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Gemeinsam musizieren sie und kämpfen nicht nur mit ihren Texten sondern auch mit der Art von Musik, die sie machen, gegen Diskriminierungen aller Arten an.

Maja Meiners hat die Musiker:innen zwei Monate lang mit der Kamera begleitet – entstanden ist ein beeindruckender Dokumentarfilm über die Kraft von Musik und den Kampf gegen soziale Ungleichheit.

„Breaking Barriers – The Casteless Collective“ zeigt, wie die junge Band spielerisch Stigmatisierungen aufzubrechen sucht und begleitet sie ein Stück auf ihrem Weg für eine indische Zukunft, in der eine freie kastenlose Mentalität zur möglichen Realität wird.

Im Interview spricht die Regisseurin über ihren Film, die Dreharbeiten vor Ort, Protestmusik und die Herausforderungen, die sich im Entstehungsprozess des Films ergeben haben.

Wie bist du dazu gekommen diesen Film zu machen? Was hat dich nach Indien zu The Casteless Collective gebracht?

Ich habe moderne Indienstudien im Master studiert und im Bachelor bereits viel Radio gemacht. Ich wollte aber auch gerne mehr über das Medium Film lernen. Bei uns an der Uni gab es in der Anthropologie einen Masterstudiengang, in dem man visuelle Anthropologie studieren kann, also ethnografischen Dokumentarfilm und dort konnte ich Seminare belegen. Dann war ich angefixt, was Dokus betrifft. Weil ich für meine Masterarbeit eine Feldstudie zu Art of Resistance machen wollte, also wie Leute sich mit Kunst emanzipieren, habe ich gedacht, es wäre ja langweilig wenn ich da einfach nur mit Block und Stift hingehe und hinterher eine Masterarbeit draus mache.

Die Band an sich habe ich über meinen Professor kennengelernt. Er kommt ursprünglich aus Tamil Nadu. Die Band hatte er bei einem ihrer ersten Gigs im Januar 2018 in Chennai gesehen. Als ich ihn fragte, ob er irgendwelche Künstler kennen würde, die ich begleiten könnte, erzählte er von eben diesem Konzert. Mein Professor hatte strahlende Augen und war total berührt davon, weil es sehr besonders ist, dass Leute, die aus einer ziemlich tiefen Klasse und auch Kaste kommen, auf der Bühne stehen und so ehrlich und aus dem Herz heraus Sachen ansprechen, die normalerweise sonst nicht so klar thematisiert werden. Er meinte: „Das ist die perfekte Band für dich, Maja.“ Eine Woche später konnte ich die Bandmitglieder treffen und sie stimmten meinem Vorhaben zu und dann bin ich ein Jahr später dort hingeflogen.

Die Musik

“It’s easy for people to relate to music. Music easily impacts and builds discussions and music has the ability to attack a person psychologically

Zitat von Pa. Ranjith (Tamilischer Filmemacher und Initiator der Band)

The Casteless Collective mischen die Folk-Musik Gaana mit zeitgenössischen Genres wie HipHop und Rock. In ihren Lieder geht es vor allem um die kastenbasierte Unterdrückungen in Indien. Gaana kommt aus Nord Chennai und wird vor allem von Dalits gemacht.

Die Dalits außerhalb des Varna-Kastensystems: Mehr als 240 Millionen Menschen in Indien gehören der Kaste der Dalit an. Die Dalits gelten nach der religiösen Unterscheidung im Hinduismus immer noch als „unberührbar“ und „unrein“. Damit sind sie noch heute in vielen Bereichen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und gehen „unreinen“ Berufen nach – wie Wäscher, Friseur und Müllbeseitiger. Die meisten von ihnen leben bis heute in Armut.

Planet Wissen

Was ist das Besondere an der Musik, die die Band macht? Sie mischen ja verschiedene Stile. Kann das schon als Protest angesehen werden?

In Indien geht es viel um Unreinheit. Es gibt gewisse Sachen, wie zum Beispiel mit toten Körpern arbeiten oder tote Tiere von der Straße holen, das haben früher immer die Dalits gemacht. Es gibt gewisse Dinge, „die fasst man nicht an“. Dazu gehören auch die von Dalits gespielten Trommeln in der Gaana-Musik, zum Beispiel die Parai. Das ist ein klassisches Percussion Instrument, das man immer auf Beerdigungen hört. Und darum ist es ganz klar konditioniert mit „Das spielen nur Dalits“ weil Dalits eben Beerdigungsmusik machen beziehungsweise Beerdigungsrituale Dalit-Aufgabe in der Gesellschaft sind. Die Trommeln sind unrein und Pech-umwogen. Wenn Sarath seine Trommel vor das Haus von jemandem stellt, dann glauben die Bewohner:innen das es Unglück bringt und wollen die Trommel dort schnell weghaben. Das ist sozusagen wie ein Todeszeichen. Ein Teil von Beerdigungsmusik ist Gaana. Dalits singen das aber auch zum Spaß, weil sie es gut finden. Da ist ja viel Freestyle mit drin. Auf einer Zug-Heimreise von einem Konzert hat Muthu zum Beispiel einmal einen Gaana-Song gesungen und gefreestylt. Das kam so aus dem Stegreif und alle Anwesenden haben sich nicht mehr eingekriegt, weil’s so gut war. Arivu hat dann im Freestyle darauf geantwortet, das ging dann hin und her. Darin sind Parallelen zum Battlerap. Beziehungsweise das Ähnliche ist das Improvisationselement. In der Subkultur der Leute, die im Slum wohnen und hauptsächlich alle Dalits sind, wird das also auch unabhängig von einem Beerdigungskontext gesungen. Aber ursprünglich kommt es dort her und wird als die Musik von den Dalits wahrgenommen, auf die von höheren Kasten eher herabgeblickt wird.

Das protestmäßige daran sind vor allem die Texte, die sie singen. Gaana ist schon auch oft sozialkritisch. Sie singen sehr reflektiert Sozialkritisches mit Gaana und was dabei auch besonders ist, dass man Gaana in einen Kontext bringt, wo es mit „reinen“ und als „cool“ geltenden Musikformen wie z.B. Metal, Rock oder Hiphop gemischt wird. Dazu gehören auch Musikinstrumente wie Gitarre oder normales Schlagzeug. Es ist besonders, dass sie diese unreinen Musikinstrumente mit reinen Musikelementen mischen und es in so eine Pop-Richtung und etwas Modernes überführen. Das reine Vermischen der Stile und Instrumente ist auch schon gewissermaßen Protest. Aber hauptsächlich sind es die Texte, die sehr straight forward sind. Das gibt es in der Form noch nicht so.

Um mit ihrer Musik etwas ändern zu können, müssen sie möglichst viele Leute erreichen, in den Mainstream gelangen. Wie bekannt ist denn die Band in Indien?

Sie sind noch nicht im Mainstream angekommen. Hauptsächlich werden sie von einer Anti-Kasten Community und der Dalit Community konsumiert und von höherkastigen Leuten, die politisch unterwegs sind. Also in Delhi in der Uni kennen sie dann z.B. viele aus der Anti-Kasten-Szene. Die höherkastige Bevölkerung bekommt da nicht so viel von mit. Es gibt eben diese Social Bubbles. In der Dalit und Anti-Kasten Bubble kriegen die Leute das mit. Aber in einer höher-kastigen Schicht hat das dann meist noch nie jemand gehört. Umgekehrt gibt es Musik, die dann in der Dalit Community nicht gehört wird. Es ist für indische Bands immer ein großes Sprungbrett wenn sie einmal international gespielt haben, dann würden sie auch in Indien direkt mehr Beachtung kriegen.

Die kastenbasierte Diskriminierung

„It’s not tattooed on your brain or on your body. You are not biologically defined as a caste. That’s a stupid social creation of the privileged groups.“

Dr. Gajendran Ayyathurai (Tamilischer Anthropologe und Historiker)

Die Kaste limitiert das Leben und die Möglichkeiten vieler. Sie bestimmt, in welchen Kreisen sich die Menschen bewegen, wo sie wohnen, welche Musik sie hören, wen sie heiraten, mit wem sie befreundet sind. Obwohl die Regierung versucht, die Diskriminierung zu reduzieren, ist sie alltägliche Realität und allgegenwärtig. Die Band The Casteless Collective kämpft dafür, dass die nächsten Generationen ohne diese Kasten-Diskriminierung leben können. Sie singen dabei nicht nur gegen diese Kasten-Diskriminierung an, sondern es geht auch um den Status der Frau in der indischen Gesellschaft, sowie um die Situation von Homosexuellen, Transgender und anderen marginalisierten Gruppen.

Was waren für dich die großen Herausforderungen? Hast du dir über deine eigene Perspektive als „Außenstehende“ manchmal Gedanken gemacht?

Vor Ort hatte ich zwischendurch oft die Frage „Oh Gott, Maja, was willst du denn eigentlich genau erzählen?“ Es ist ja immer so, dass man sich selbst positioniert als die:derjenige die:der dort forscht. Ich habe eigentlich in erster Linie versucht das Ganze zu verstehen und zu greifen. Ich wollte all das einsammeln, wo ich denke, das brauche ich für mein Verständnis, aber auch das, was besonders ein westliches Publikum braucht, um es hinterher einordnen zu können. Das war eine riesige Aufgabe.

Ich hatte zwischendurch das Problem, dass ich feststellte die Bandmitglieder sprechen sehr viel Tamil. Ich dachte mehr von ihnen könnten etwas Englisch sprechen. Mir wurde klar, dass mir viel abhanden kommen wird, weil ich es nicht verstehe. Ich konnte auch nicht ständig jemanden dabei haben, der mit übersetzt. Wenn du einen Film drehst, willst du ja normalerweise auch diese kleinen Interaktionsmomente mitbekommen, aber das hat sich dann auch irgendwie gelöst. Klar wäre es schöner gewesen, wenn ich alles verstanden hätte, aber dann hatte ich einen Kommilitonen, der mir beim Übersetzen geholfen hat und es hat sich alles so zusammengestückelt. Ich habe mir aber echt oft das Hirn zermartert. Mir war es wichtig, das für ein westliches Publikum zu machen, weil ich es wichtig fand, dass der Film auch hier verstanden wird. Und ich finde es wirklich komplex, wenn man nicht versteht, dass die dort ein Konzept von Impurity und Untouchability haben. Das sind Sachen, wenn du die nicht erklärst, dann ist man außen vor und denkt sich „ja interessant“, aber man kriegt keinen Zugang dazu. Und deshalb fand ich es wichtig das für ein Publikum zu erklären, das nicht so viel mit Indien am Hut hat.

Hat die Band den Film gesehen? Was haben sie dazu gesagt?

Sie haben ihn nicht zusammen geschaut, da kam Corona dazwischen und die Organisation war schwer. Es gab also kein Gemeinschafts-Screening. Einzelne Bandmitglieder haben ihn gesehen und fanden ihn ganz gut. Sie fanden es vor allem interessant, wie ich das über die Kasten erzählt habe. Also das ich das so explizit erklärt habe. Das hätte man für ein indisches Publikum ja anders gemacht.

Breaking Barriers The Casteless Collective (70 Min) könnt ihr noch bis zum 27. März hier anschauen. Eine gekürzte Version (47 min) des Films ist außerdem derzeit unter dem Namen „Casteless Collective“ bei Aljazeera Witness zu sehen.

© Bilder: Maja Meiners

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