Wie ein Smiley Kölns Hauswände eroberte: Marcel Kreuzer im Interview

Wer durch eine Großstadt läuft, kommt an Street Art und bunt bemalten Hauswänden kaum vorbei. In Köln begegnet man dabei besonders häufig einem ganz bestimmten Motiv: einem Smiley mit einer Topfpflanze. Der kreative Kopf dahinter ist Marcel Kreuzer a.k.a. @zoologne, freischaffender Künstler und Illustrator aus Köln. Im Interview mit unserem Gastautoren Felix Kupferer vom Podcast „Geschichten aus dem Leben“ gibt er Einblicke in sein Schaffen.

Wie entsteht (Auftrags-)Kunst im öffentlichen Raum? Wie kann Marcel durch einen Mix aus „Moneyjobs“ und freier Kunst auch mit Street Art seinen Lebensunterhalt bestreiten? Und wie hat er überhaupt mit all dem angefangen? Und warum sind ein Smiley und eine Topfpflanze zu seinem Markenzeichen geworden?

Nicht alle kennen Köln so gut wie du. Wenn man durch deine Stadt läuft: Wo begegnet man deiner Kunst – und woran erkennt man sie?

Mir ging es schon immer darum, Dinge möglichst reduziert, aber trotzdem leicht erkennbar zu machen. Dafür bietet sich zum Beispiel mein Smiley als Motiv gut an: Er kommt eindeutig mit einer positiven Grundbotschaft daher. Die Topfpflanze kam vermutlich aus einem ähnlichen Impuls heraus. Sie stellt einen Naturbezug in der Stadt her und bildet dadurch einen bewussten Kontrast zum urbanen Umfeld. Diesen beiden Motiven begegnet man in Köln in meinen Wandbildern an den unterschiedlichsten Hausfassaden. Aktuell merke ich allerdings, dass ich mich davon langsam wegbewege und Lust auf neue Ausdrucksformen und Motive bekomme.

Ein großer Teil meiner Arbeiten im öffentlichen Raum hat einen kommerziellen Hintergrund. Das sind Auftragsarbeiten, mit denen ich letztlich auch meinen Lebensunterhalt verdiene: Im Stadtteil Ehrenfeld durfte ich zum Beispiel einmal eine größere Fassade gestalten. Dazu kommen Wandbilder in verschiedenen Geschäften in der Innenstadt, außen oder innen – auch diese oft mit denselben Motiven. Denn ich werde häufig genau dafür angefragt, und wenn sich jemand meinen Smiley mit Pflanze wünscht, liefere ich sie natürlich immer noch gerne.

Marcel Kreuzer/Cäsar Schemmrich

Wieso sieht man deine Kunst an so vielen Hauswänden, sprich: Warum hast du dich für Street Art als Ausdrucksform entschieden?

Ich habe mich schon sehr früh für Comics interessiert, und irgendwann kam dann Graffiti in mein Leben. Das hat mich von Anfang an richtig gepackt. Später habe ich Grafikdesign studiert, nach dem Studium kurz in einer Werbeagentur gearbeitet und eine Zeit lang Videos produziert. Bei all diesen Stationen hat mich aber das Thema Illustration und Kunst nie ganz losgelassen. Zu Beginn der Corona-Pandemie und kurz nach der Geburt unseres ersten Sohnes habe ich deshalb den Entschluss gefasst, es einmal ernsthaft als freischaffender Künstler zu versuchen. Mir war klar: Wenn ich es jetzt nicht ausprobiere, werde ich mich später darüber ärgern.

Die Geburt deines Sohnes ist ein spannender Zeitpunkt, um eine so große Entscheidung zu treffen – gerade in einem Moment, in dem man eigentlich vor allem finanzielle Stabilität braucht. Wieso hast du den Schritt genau dann gewagt, und wie geht es dir damit heute?

Mir war bei der Entscheidung, als freier Künstler tätig zu werden, auch wichtig, meinen Kindern zu zeigen, dass man nicht immer ausgetretenen Pfaden folgen muss – sondern man auch sein eigenes Ding machen kann. Und meine Arbeit macht mir nach wie vor sehr viel Spaß. Auf der einen Seite gibt es da die „Moneyjobs“, also klassische Auftragsarbeiten, bei denen ich mich an Kundenwünsche und Vorgaben halte. Auf der anderen Seite stehen meine freien Arbeiten, die ich unabhängig entwickle, in Ausstellungen zeige oder verkaufe. Die Abwechslung, die damit einhergeht, macht mich glücklich.

Oft entsteht ein Projekt aus dem vorherigen: Jemand sieht eine meiner Arbeiten im Stadtraum, empfiehlt sie weiter oder meldet sich direkt bei mir. Sichtbarkeit spielt dabei eine zentrale Rolle – je mehr Bilder draußen zu sehen sind, desto mehr Menschen werden darauf aufmerksam. Jeder Sticker, jede Wand, jede gestaltete Fläche kann der Ausgangspunkt für das nächste Projekt sein.

Für mich gilt deshalb: Wenn ich in Bewegung bleibe, bewegt sich auch meine Arbeit weiter. Langfristig ist es dabei mein Ziel, auch über Köln hinaus sichtbarer zu werden und verstärkt deutschlandweit oder international zu arbeiten.

Mit Blick auf die völlig verschiedenen Projekte, an denen du arbeitest – gibt es bei dir trotzdem so etwas wie einen typischen Arbeitsalltag?

Es gibt bei mir weniger einen festen Arbeitsalltag als verschiedene Arbeitsmodi. Im Kern geht es zwar immer ums Gestalten, aber je nach Projekt sieht der Tag ganz unterschiedlich aus. Wenn ich an Illustrationen arbeite, sitze ich meist allein am Schreibtisch – mit Papier und Stift oder am Rechner. Im Atelier arbeite ich mit Farben, Holz oder Drucktechniken, ebenfalls eher für mich. An anderen Tagen bin ich vor Ort und gestalte Wände im öffentlichen Raum. Dann sind es zwar ähnliche Abläufe, aber eben andere Locations, Menschen und Motive. Genau diese Abwechslung brauche ich: Sie sorgt dafür, dass sich die Arbeit nicht wiederholt und für mich spannend bleibt.

Oft gibt es bei den Projekten ein konkretes Ziel und eine Deadline – etwa eine Ausstellung, ein bevorstehender Release oder die Fertigstellung eines Wandbildes. Bis dahin arbeite ich sehr fokussiert am jeweiligen Vorhaben, danach beginnt etwas Neues – wieder an neuen Orten und in anderen Konstellationen. Die Energie, die entsteht, wenn viele unterschiedliche Menschen gemeinsam an etwas arbeiten, ist für mich immer etwas sehr Besonderes. Natürlich gibt es da auch mal Reibung oder unterschiedliche Vorstellungen, aber in der Regel sind das immer tolle Erfahrungen.

Marcel Kreuzer/Cäsar Schemmrich

Wie balancierst du bei Auftragsarbeiten deinen eigenen Stil mit den teilweise vermutlich recht strengen, klaren Vorgaben von Marken und Auftraggebern?

Das hängt stark vom Auftraggeber ab. Bei kleineren Projekten – etwa für Restaurants oder kleinere Marken – bekomme ich meistens sehr viel Freiheit. Die Leute mögen meinen Stil und sagen: „Hier ist die Wand, bitte mach mal so.“ Klar, die Budgets sind dort meistens kleiner, dafür ist der kreative Spielraum größer. Bei großen Unternehmen läuft es eher anders ab: Dort gibt es viele Entscheidungsebenen, klare Richtlinien und mehrere Entwurfsrunden, bis man sich auf ein Motiv einigt. Da gehört auch immer ein gewisses Verhandeln dazu – und am Ende verschwimmen die Grenzen, wie viel davon tatsächlich noch mein Stil ist und wie viel der des Auftraggebers.

Besonders schön finde ich es, wenn sich eine Privatperson eines meiner Bilder für die eigene Wohnung kauft oder sogar bei mir ein Wandbild beauftragt – das ist etwas ganz anderes als in einem geschäftlichen Umfeld, wo das Geld vielleicht ein bisschen lockerer sitzt: Wenn Privatpersonen für meine Arbeit ihr eigenes Geld ausgeben – für das sie ja auch wiederum hart arbeiten – ist das für mich wirklich ein tolles Gefühl. Ich kann mich bei allen, die schon einmal etwas von mir gekauft haben, gar nicht oft genug bedanken.

Was wärst du geworden, wenn du kein Künstler geworden wärst?

Hoffentlich wäre ich dann Tischler oder Schreiner geworden. Ich finde es immer sehr beeindruckend zu sehen, was wirklich gute Handwerksmeister können. Die Arbeit mit Holz und handwerkliche Prozesse faszinieren mich – besonders dieses kontinuierliche Besserwerden, das Feilen an Technik und Präzision. Das ist beim Malen ähnlich: Man lernt eigentlich ein Leben lang dazu. Tatsächlich habe ich früher auch öfter darüber gesprochen, eine Schreinerlehre zu machen. Letzten Endes hatte ich aber keine Lust auf eine klassische Ausbildung – ich habe stattdessen studiert, nebenher verschiedene Dinge ausprobiert und mich meistens eher an meinen Interessen als an klaren Karrierewegen orientiert.

Worüber freust du dich mit Blick auf alles bisher Erreichte am meisten und was würdest du dir noch wünschen in Zukunft?

Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich alle diese Möglichkeiten habe, die ich heute habe – dass ich mit so vielen tollen Menschen zusammenarbeiten, immer wieder verschiedene Projekte umsetzen und davon – gemeinsam mit meiner Frau – auch unsere Familie ernähren kann. Dass sich Kreativität, Arbeit und Privatleben dabei gut miteinander vereinbaren lassen, empfinde ich als großes Glück. Man weiß natürlich nie, was morgen kommt oder wie es weitergeht, aber ich blicke einfach immer weiter positiv in die Zukunft und bleibe am Ball.

Es gibt so viele spannende Sachen, die ich mir noch vorstellen kann: Einmal in einem Museum auszustellen fände ich zum Beispiel toll. Wer weiß, vielleicht schaffe ich das ja eines Tages. Nach einem sehr intensiven Jahr mit vielen Projekten und Ausstellungen wünsche ich mir aktuell vor allem, wieder etwas mehr Raum für meine eigenen freien Arbeiten zu haben. Die kommende Zeit möchte ich bewusst nutzen, um neue Materialien auszuprobieren und stärker skulptural zu arbeiten, insbesondere mit Holz. Das ist gerade etwas, worauf ich große Lust habe.

Wer im Nachgang mehr über Marcel erfahren möchte, wird auf seinem Instagram-Kanal und seiner Website fündig – und in Folge #48 des Podcasts „Geschichten aus dem Leben“.

Beitragsbild: Unsplash / Linda Xu

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