Was ist heute noch „echt“?! Diese Frage stellt sich mit Blick auf Inhalte in Social Media und teilweise auch klassischen Medien immer häufiger, besonders durch die rasante Entwicklung der KI-Modelle. In dieser Zeit des Umbruchs gehört Laura Niggeschmidt, KI-Designerin und Gründerin einer Social-Media-Beratung, zu einer neuen Generation von Kreativen: Sie versteht Künstliche Intelligenz nicht als große Bedrohung, sondern als mächtiges Werkzeug – und erschließt sich damit auch als Selbstständige neue Möglichkeiten.
Entscheidend ist aus Lauras Sicht in Zukunft nicht länger das eingesetzte Tool, sondern umso mehr die kreative Idee dahinter. Im Gespräch mit unserem Gastautoren Felix Kupferer vom Podcast „Geschichten aus dem Leben“ erklärt sie, wieso genau darin für viele Kreativschaffende die Zukunft liegen kann – und wie sie selbst schon heute diese Zukunftsvision aktiv mitgestaltet. Ein Gespräch über neue Wege, Experimentierfreude und den Mut zum Sprung ins kalte Wasser.

Schon vor deiner Selbstständigkeit hast du viele kreative Projekte angestoßen und dir dabei auch den einen oder anderen Traum erfüllt. Einer davon war es, einmal in New York zu leben und arbeiten. Mittlerweile bist du zurück in Deutschland. Was ist heute deine Traumstadt, New York oder München?
Die Sache mit New York war wirklich schon seit meiner Kindheit ein großer Traum. Ich weiß gar nicht mehr, woher diese frühe Faszination kam – aber ich habe meiner Mama damals sogar einen Gutschein für eine gemeinsame New-York-Reise geschenkt, „wenn ich groß bin“. Und tatsächlich hat sie den auch eingelöst: Zu ihrem 60. Geburtstag waren wir zusammen dort. Aber der Wunsch blieb, die Stadt einmal für längere Zeit zu erleben. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit habe ich deshalb für zweieinhalb Monate in New York „gelebt“ – und ja, ich habe dort Miete gezahlt, für mich zählt das.
In vielen Punkten wurden meine Erwartungen erfüllt: Die Stadt ist unfassbar kreativ, progressiv und divers, man trifft ständig neue Menschen und bekommt an jeder Ecke neue Impulse. Gegen Ende habe ich aber gemerkt, wie kräftezehrend New York auch sein kann. Umso schöner war es dann, nach München zurückzukommen. Hier habe ich seit Jahren mein Zuhause, meinen Freundeskreis, und auch insgesamt ein sehr vertrautes Umfeld. New York bleibt aber eine großartige und inspirierende Stadt, zu der ich sicher zurückkehren werde.
Du hast deine ersten Schritte in die Selbstständigkeit mit Fotografie begonnen und arbeitest mittlerweile viel mit KI-generierten visuellen Inhalten. Wie kam es zu diesem Schwenk in Richtung Künstliche Intelligenz?
Während meiner Zeit in New York habe ich noch sehr viel fotografiert, denn für Fotograf:innen ist die Stadt einfach ein Traum. Ein prägendes Erlebnis war dort allerdings die Begegnung mit einem Fotografen, der für große Modemagazine arbeitet. Ich durfte mit ihm einen Tag als Assistentin an einem Set arbeiten. Der dortige Umgangston und die gesamte Dynamik unter den Beteiligten haben mich leider eher abgeschreckt. Natürlich war dieser eine Tag nur ein kurzer, einzelner Einblick – der aber in vielen Fällen durchaus stellvertretend für die Branche sein dürfte.
Parallel habe ich aus Neugier angefangen, KI-Bilder zu generieren und meine Erfahrungen auf LinkedIn zu teilen. Daraus entstanden plötzlich Anfragen für KI-Workshops – und mir wurde klar, welches Potenzial darin steckt. Für mich als Kreative ist Künstliche Intelligenz ein unglaublich mächtiges Werkzeug. Ich brauche keine Location, ich brauche kein Studio, ich brauche keine Models – weil ich mit KI nun komplette Shootings an meinem Laptop machen kann. Seit etwa einem halben Jahr ist das fester Bestandteil meiner Arbeit – vor allem für kleinere Marken, die mit wenig finanziellen Mitteln große Ideen umsetzen wollen.
KI-generierte Inhalte wirken schon heute oft täuschend echt. Auch, wenn man deine Videos anschaut, fragt man sich teilweise, ob sie wohl real sind oder nicht. Ist das für dich eine Zukunft, auf die wir uns freuen dürfen – oder eine, vor der wir eher Angst haben sollten?
Aus Marketingsicht – also dem Bereich, in dem ich mich mit meiner Arbeit bewege – ist der zunehmende KI-Einsatz vor allem eine große Chance: Auch ohne riesiges Budget lassen sich mit den richtigen Skills und Tools starke Kampagnen umsetzen, die viel Aufmerksamkeit generieren und dadurch den Umsatz von Unternehmen und Marken steigern können. Wenn wir ehrlich sind, ist Social Media ja schon heute eine Parallelwelt – fast jedes Bild auf Instagram ist stark bearbeitet und mit Filtern versehen. Künstliche Intelligenz wird diese Entwicklung sicher noch verstärken. Dann wird es noch schwieriger, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Umso wichtiger ist deshalb schon jetzt auf User-Seite eine hohe Medienkompetenz – und natürlich wird es auch auf der Gegenseite klare ethische Leitplanken sowie Regulierungen zum Schutz der Nutzer:innen geben müssen.

Tools wie ChatGPT kann inzwischen fast jede:r bedienen. Schaffst du dich nicht vielleicht selbst ab, wenn du immer mehr auf KI-Kreation setzt?
Früher wurde ich als Fotografin gefragt, mit welcher Kamera ich arbeite. Heute fragen mich viele, welche KI-Tools ich nutze. Aber damals wie heute gilt für mich ganz klar: Ein gutes Ergebnis entsteht nicht nur durch das richtige Werkzeug. Du kannst jedem eine 10.000-Euro-Kamera in die Hand drücken – ohne technisches und visuelles Verständnis oder ein Gefühl für Bildsprache wird dadurch trotzdem kein starkes Foto entstehen. Das Gleiche gilt für den Einsatz Künstlicher Intelligenz – KI-Tools allein können nicht die Arbeit von Kreativschaffenden ersetzen. Bei KI-Design geht es um weit mehr, als einfach ein paar Prompt-Zeilen in ein Tool zu tippen.
Für deine Selbstständigkeit hast du eine sichere Festanstellung bei einer Digitalberatung gekündigt. Wie kam es zu dieser Entscheidung und wie geht es dir damit heute?
Erst während der Pandemie habe ich angefangen, wieder mehr zu fotografieren – obwohl ich schon seit meiner Jugend eine professionelle Kamera hatte. Dadurch kam langsam eins zum anderen – auch mit ersten, bezahlten Aufträgen, alles neben dem Job und oft am Wochenende. Irgendwann wurde mir klar, dass mich ein Nine-to-Five-Job allein nicht erfüllt und ich mehr kreativen Raum brauche. Ich bin dann zu einer Vier-Tage-Woche übergegangen und habe nebenher ausgelotet, wie sich selbstständiges Arbeiten für mich anfühlt. Über ein paar Monate habe ich das getestet, erste größere Aufträge bekommen – und schließlich gekündigt.
Einfach ist Selbstständigkeit nie, das würde wohl jede:r Selbstständige bestätigen. Der schwierigste Teil ist aber oft der erste Schritt – vor allem wenn man wie ich aus einem Umfeld kommt, in dem Sicherheit großgeschrieben wird. Mir hat geholfen, nicht alles zu zerdenken: Hätte ich mir jedes mögliche Risiko schon vorher ausgemalt, hätte ich mich wahrscheinlich nie selbstständig gemacht. Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt und keinen perfekten Weg in die Selbständigkeit – manche starten früh, andere spät, manche gar nicht. Ich persönlich gehe bei Entscheidungen wie dieser immer vom Besten aus. Wenn es dann doch nicht klappt, dann gibt es Plan B, C oder D. Aber zuerst einmal will ich Plan A ausprobieren – das Leben ist einfach zu kurz, um Träume nicht zu verwirklichen.
Wie soll es für dich weitergehen, was wünschst du dir noch?
Ich würde sehr gerne im deutschsprachigen Raum eine der führenden Expertinnen für KI-Design werden. Ich mag es total, Workshops zu geben, und durfte dieses Jahr schon einige zu dem Thema halten. Ich bin einfach sehr begeisterungsfähig für neue Technologien, mit denen man Kreativität bündeln und noch stärker ausleben kann. Besonders schön finde ich es, dieses Wissen weiterzugeben, weil ich glaube, dass jeder Mensch kreativ ist – viele haben nur Hemmungen oder trauen sich nicht, dieser freien Lauf zu lassen. Das abzubauen ist für mich ein klares Ziel. Und darüber hinaus natürlich auch einfach, glücklich und zufrieden zu sein.
Weitere Einblicke in Lauras Arbeit bekommt ihr auf ihrem Instagram-Kanal und in Folge #47 des Podcasts „Geschichten aus dem Leben“
Beitragsbild: Quelle: Laura Niggeschmidt
