Heute reden wir über „Olivia“ von Eleanor Fortescue-Brickdale. Eleanor Fortescue-Brickdale war ebenfalls Teil der Präraffaeliten, wie auch Marie Spartali-Stillman vom April. Sie lernte Malerei an der Crystal Palace School of Art und den Royal Academy Schools. Sie malte sehr erfolgreich, stellte viel aus und erstellte auch Glasfenster für Kirchen. „Olivia“ ist das erste Bild in ihrem Buch „Golden Book of Famous Women“. Hier illustriert sie die Texte, in denen es um berühmte Frauen geht, wie etwa auch Beatrice, Catherine of Aragon oder Guinevere. Wir sehen, ganz wie bei Marie Spartali-Stillman, dass mittelalterliche Motive im Vordergrund sind. „Olivia“ bezieht sich auf die Olivia aus „Der Pfarrer von Wakefield“, ein sehr erfolgreicher Roman von 1766 und der erste und einzige Roman des irischen Autors Oliver Goldsmith.

Der Roman erzählt die bewegende Geschichte von Dr. Primrose und seiner Familie, die durch Betrug, Verlust und gesellschaftliche Intrigen schwere Prüfungen durchleben, bevor sich ihr Schicksal durch Aufdeckung der Wahrheit und die Rückkehr zu Anstand und Gerechtigkeit zum Guten wendet. Er schildert Themen wie Liebe, Täuschung und moralische Integrität vor dem Hintergrund sozialer Unterschiede im ländlichen England. Olivia Primrose, die älteste Tochter des Pfarrers, gerät in den Bann des charmanten, aber skrupellosen Gutsherrn Thornhill. Sie flieht mit ihm, getäuscht von falschen Versprechungen einer Ehe. Nachdem sich Thornhills Heirat als Betrug entpuppt, verfällt Olivia in tiefe Scham und Verzweiflung. Ihr Vater sucht sie verzweifelt, findet sie schließlich und bringt sie nach Hause. Dort erwarten die Familie weitere Schicksalsschläge, doch letztlich wendet sich das Blatt: Thornhill wird entlarvt, und Olivia erfährt, dass ihre Ehe doch rechtsgültig ist. Ihre Ehre ist gerettet, während Thornhill seiner Taten überführt wird. Für mich sieht es so aus, als würde Olivia die Liebesbekundungen von Thornhill lesen. Auch hier ist das Lesen Teil der Kommunikation. Wie sie hier steht, ist es aber auch etwas, was sie heimlich tut. Das macht es romantisch. Es ist besonders spannend, weil Briefe natürlich ein schöner Austausch zwischen Liebenden sein können, in diesem Fall Thornhill Olivia aber ja betrogen hat. In diesem Kontext wirkt Olivia sehr naiv, was mit ihren roten Bäckchen noch deutlicher unterstrichen wird.
Obwohl der Roman zunächst als pastorale Idylle bezeichnet wurde, wurden im 19. Jahrhundert auch immer mehr satirische Elemente gefunden. Höchstwahrscheinlich war das Eleanor Fortescue-Brickdale also bewusst. Offensichtlich nahm sie Olivia aber als starke Frau war und zeigte sie als erstes in ihrem Buch, noch vor dem Inhaltsverzeichnis. Lesen als Verbindung mit anderen wird hier also hervorgehoben.
Dieser Artikel erscheint in unserem Kunstkalender für das Jahr 2025 zum Thema „Lesende Frauen“. Hier alle (bisherigen) Artikel in der Reihe:

5 Gedanken zu “Die lesende Frau, die verliebt ist (Juli)”