Es ist April, die Stiefmütterchen blühen und man kann schon, warm angezogen, draußen sitzen. So auch Dantes Beatrice, die wir hier sehen. Beatrice, wie Dante von ihr in „La Vita Nuova“ und „Göttlichen Komödie“ schreibt, war ein beliebtes Bild von den Präraffaeliten. Die Kunstbewegung kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England auf und war sehr von dem Stil der Künstler Trecento und Quattrocento beeinflusst.
Die Präraffaeliten legten großen Wert auf Detailreichtum, Naturtreue, leuchtende Farben, Symbolismus und mittelalterliche/literarische Themen. Beatrice wurde von dieser Kunstbewegung idealisiert und häufig gemalt. Marie Spartali-Stillman kann dieser Kunstrichtung zugeordnet werden. Die Präraffaeliten wiesen die zunehmend konservativen Strukturen der viktorianischen Zeit zurück und so hatten auch Frauen eine aktive Teilhabe in der Bewegung. Spartali-Stillman stand bei diversen Künstlerinnen und Künstlern Modell und etablierte sich dann selbst als erfolgreiche Künstlerin. Künstlerinnen der Bewegung malten häufig starke Frauen als mehr als schöne Objekte, häufig aktiv in einer Tätigkeit.

So auch Beatrice, die beim Lesen gedankenverloren vor sich hinschaut. Dante berichtete zunächst von einer Beatrice im autobiographischen „La Vita Nuova“. Als Junge sieht er ein gleichaltriges Mädchen, namens Beatrice, von dem direkt hingerissen ist. Jahre später sieht er sie wieder und ist immer noch hin und weg. Beide heiraten jedoch jemand anderen und mit 24 Jahren verstirbt Beatrice bereits. In der göttlichen Komödie erscheint nun Beatrice als Wegweiserin, die Virgil in den Himmel leiten soll. Während Virgil für menschlichen Verstand und Philosophie stehen soll, steht Beatrice für religiöses Wissen und Glaube. So soll die Geschichte grob gesagt zeigen, dass die Philosophie einen durch die unheiligen Hallen der Nachwelt führen kann, aber nur mit göttlichem Glauben kommt die Seele zu Gott. Dante vergötterte Beatrice und schien doch gleichzeitig keine Beziehung mit ihr zu suchen. Sie war vielmehr die literarische Leinwand, auf den er Perfektion produzierte. Diese Art der Verehrung führt aber auch dazu, dass der Verehrten die Menschlichkeit entzogen wird. Marie Spartali-Stillman gibt in ihrem Portrait Beatrice ihre Menschlichkeit wieder zurück, indem sie lesend und denkend inszeniert. Man sieht ihr eine Frau, die liest, sich bildet und darüber nachdenkt. Sie wird Interesse daran haben, was sie liest, sie hat ihre eigenen Ziele, Glaubenssätze, Ideale und Wünsche und wird sich bilden wollen, wie sie das erreichen kann. Sie ist nicht nur eine Projektionsfläche für die Außenwelt, sondern denkend, fühlend und ein ganzer, komplexer Mensch.
Dieser Artikel erscheint in unserem Kunstkalender für das Jahr 2025 zum Thema „Lesende Frauen“. Hier alle (bisherigen) Artikel in der Reihe:

8 Gedanken zu “Die lesende Frau als Vermenschlichung (April)”