Ganz schön unsozial: Wie das Internet (und die Welt) wieder zu einem freundlicheren Ort wird

Ein Gastbeitrag von Felix Kupferer

Kein Zweifel, im Netz weht oft ein rauer Wind. Um einen Hauch davon abzubekommen, reicht schon ein kurzer Blick in die Kommentarspalten auf Nachrichtenportalen. Und auch viele Social Media-Posts und -Kommentare machen in kürzester Zeit deutlich: Hass, Hetze und Populismus finden im Internet den idealen Nährboden. Gepaart mit dem vermeintlich perfekten Leben, das viele Influencer:innen in den ursprünglich sozialen Medien präsentieren und das weniger perfekte Menschen (sprich: fast alle anderen) unter Druck setzt, ist im Netz ein teils recht toxisches Umfeld herangereift. Zunehmend stellt sich deshalb die Frage: Wie wird das Internet wieder zu einem freundlicheren Ort? Und welche dieser Maßnahmen können wir vielleicht sogar auch da draußen, in der physischen Welt, umsetzen?

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Einer, der sich qua Beruf mit Fragen wie diesen tagtäglich beschäftigt, ist der Kommunikationswissenschaftler Dr. Pablo Jost. Er ist Gastprofessor am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Als Mitbegründer und strategischer Berater der Bundesarbeitsgemeinschaft „Gegen Hass im Netz“ untersucht er die Kommunikation extremistischer Bewegungen auf digitalen Plattformen, die mediale Darstellung gesellschaftlicher Kontroversen sowie die Kommunikation politischer Akteur:innen. Für die oft harten Worte in den Kommentarspalten und Feeds hat er eine einfache Erklärung: „Wenn ich in sozialen Netzwerken eher emotional, negativ, zugespitzt und verkürzt kommuniziere, dann fördert das Interaktionen, und zwar ganz wertfrei. Das kann Widerspruch sein, das kann aber auch Zustimmung sein – Fakt ist, es provoziert etwas.“

Das Dilemma der sozialen Medien: Aufmerksamkeit, wem Aufmerksamkeit gebührt?

Jost führt weiter aus: „Wenn man auf einen Kommentar antwortet oder eine Reaktion auf einen Kommentar hinterlässt, dann führt das natürlich auch zur Prominenz des Kommentars. Er wird dann mehr Leuten angezeigt.“ Die Frage, inwieweit es daher besser wäre, inakzeptablen Kommentaren durch Nichtbeachtung keine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ist jedoch nicht leicht zu beantworten: „Man muss sich zwar fragen, wie viel man den Troll füttern und ihm damit Reichweite verschaffen darf“, so Jost. „Andererseits gibt es Studien, die zeigen, dass problematische, unkommentierte Positionen von den Leuten, die mitlesen, als unwidersprochen und damit auch als Common Sense wahrgenommen werden. Es kann also als Signal durchaus wichtig sein, gegen solche Dinge anzuschreiben. Unwidersprochen lassen sollte man sie nicht.“

Doch was macht es mit Nutzer:innen sozialer Medien, wenn sie tagein, tagaus mit problematischen Kommentaren und Inhalten konfrontiert werden? Und weder die Option, diese zu ignorieren, noch, auf sie zu reagieren und somit deren Reichweite weiter zu steigern, wirklich zufriedenstellend ist? Mit den möglichen Auswirkungen des Social-Media-Konsums befasst sich unter anderem auch die kanadische Mental Health-Bloggerin und -Speakerin Chloë Grande. Sie sagt: „Natürlich gibt es auf der höheren Ebene systemische Probleme, da diese Plattformen im Grunde zum Beispiel Dinge wie Essstörungen und ein gestörtes Körperbild ausnutzen – und damit schon junge Nutzer:innen erreichen. Es gibt Leute, die Klage gegen Facebook eingereicht haben, weil sie nichts unternommen haben, um die Verbreitung dieser wirklich schädlichen Inhalte zu verhindern.“

Entfolgen, Stummschalten, Timer & Co.: Kleine Schritte mit potenziell großer Wirkung

Entsprechende Klagen mögen mal erfolgreich sein und zu Änderungen am Plattform-Algorithmus führen, mal auch nicht. Auf individueller Ebene ändern sie so oder so zunächst wenig. Stattdessen rät Grande Nutzer:innen sozialer Netzwerke zu anderen, kleineren Maßnahmen, die schon viel bewirken können: „Es ist hilfreich, sich immer wieder klar zu machen, dass man auf Social Media nur Bilder eines kuratierten Lebensstils zu sehen bekommt. Auf der persönlichen Ebene wird das etwas praktikabler, wenn ich wirklich, wirklich darauf achte, wem ich folge. Ich bin da auch ein großer Fan der Stummschalttaste, um belastende Personen und Inhalte auszublenden.“

Doch damit wir davon losgelöst möglichst viel Zeit auf Social Media verbringen, fällt den Plattformbetreibern immer wieder etwas Neues ein – zum Beispiel das endlose Nachladen neuer Inhalte, das zu sogenanntem „Doom Scrolling“ führen kann. Dessen sollte man sich bewusst sein und auch das eigene Nutzungsverhalten immer wieder überdenken, empfiehlt Grande: „Ich verwende bei der Nutzung von Social Media zum Beispiel immer einen Timer. Da erscheint dann so etwas wie: ‚Oh, 15 Minuten sind vergangen.‘ Und natürlich kann ich das theoretisch ignorieren und einfach weiterscrollen. Aber es hilft mir, ein bisschen mehr in mich hineinzuhorchen.“

Auch nicht immer ganz unproblematisch: Aus dem digitalen Raum hinaus in die Welt

Hass, Hetze und psychische Belastungsproben im Internet sind die eine Sache, und die von Jost und Grande beschriebenen Schritte können dort zu etwas Abhilfe beitragen. Was aber, wenn besagter Hass auch auf den eigenen Alltag übergreift? Die Kölner Moderatorin, Speakerin und Drag Queen Meryl Deep weiß, wie sie die Blicke auf sich zieht – im positiven wie im negativen Sinne. Diesen Sommer hat sie das zum Beispiel beim CSD im sächsischen Pirna gemacht, um dort ein Zeichen für Toleranz zu setzen, als diese von lauten Stimmen von rechts in Frage gestellt wurde. Auf und abseits der Bühne macht sie sich für Vielfalt in der Gesellschaft stark und hat sich dazu für die Kunstform Drag entschieden.

Eine bisweilen nicht ganz ungefährliche Wahl: „Aus Sicherheitsgründen fahre ich keinen öffentlichen Nahverkehr. Ich kann auch nicht ohne Angst allein über die Straße gehen. Ich habe immer ein mulmiges Gefühl, dass hoffentlich alles gut geht und niemand ausflippt“, so Deep. „Ob das Paranoia ist oder tatsächlich berechtigt, weiß ich nicht. Aber allein die Tatsache, dass ich überhaupt Angst haben muss, ist für mich schon ein klares Indiz dafür, dass wir noch längst nicht alles erreicht haben.“ Bisher hat die Drag Queen noch keine größeren Übergriffe erlebt, negative Reaktionen im Kleinen aber durchaus: „Natürlich bekomme ich manchmal auch verachtende Blicke und ab und zu einen Spruch ab. Ich versuche deshalb, so oft wie möglich in Begleitung unterwegs zu sein oder mich schnell an sichere Orte zu begeben, an denen ich weiß, dass ich willkommen bin.“

Über die Vermeidung kognitiver Dissonanz – und die Einladung zum Dialog

Mit diesem Ansatz verfolgt Deep – vielleicht, ohne sich dessen bewusst zu sein – ein Prinzip, dass sich auch in unserem Medienkonsum beobachten lässt. Kommunikationswissenschaftler Jost erklärt: „Wir wollen nicht jeden Tag Nachrichten und Inhalte konsumieren, die unser Weltbild in Frage stellen. Das wäre auch super anstrengend. Stell dir mal vor, du würdest jedes Mal, wenn du die Zeitung aufschlägst, schon von vornherein wissen, dass du dich dabei schon wieder aufregen wirst.“ Die zugrundeliegende Motivation – die Vermeidung kognitiver Dissonanz – macht deshalb zu einem gewissen Maß Sinn, so Jost. Man sollte sich jedoch über sie im Klaren sein und ganz gezielt auch immer wieder einmal Formate suchen, in denen das so nicht gegeben ist: „Das muss nicht jeden Tag sein, aber ich würde allen dringend dazu raten, auch ab und an mal Medien zu konsumieren, die nicht der eigenen Einstellung entsprechen.“

Das mag anstrengend sein, kann laut Jost aber dazu beitragen, ein umfassenderes Bild zu bekommen und auch zu verstehen, wie andere Teile der Bevölkerung ticken. Auch Deep verfolgt einen ähnlichen Ansatz: „Was ich versuche, ist den Raum zu öffnen und durch mein Auftreten klarzumachen: ‚Du kannst jederzeit mit mir sprechen.‘ Ich weiß, dass es viele Fragen gibt — sogar innerhalb der queeren Community stellen wir uns diese ja oft noch selbst. Mein Ziel ist es deshalb, Barrieren abzubauen.“

Sie ist überzeugt: „Paraden und Demonstrationen sind wichtig, aber der wahre Mut zeigt sich im Alltag — besonders in Situationen, wo man vielleicht der einzige in der Runde ist, der anders ist. Genau dann trotzdem offen zu sein, kostet Überwindung, aber ich glaube, das bewirkt schon sehr viel.“

Die zitierten Gespräche mit Dr. Pablo Jost, Chloë Grande und Meryl Deep hat Felix Kupferer im Lauf der vergangenen Monate im Rahmen seines Interview-Podcasts „Geschichten aus dem Leben“ geführt. Dort sind auch diese drei Interviews in voller Länge nachzuhören. Hört doch gerne einmal rein!

Beitragsbild: unsplash / Mika Baumeister

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