Im Interview mit evdokia michailidou

Welche Themen treiben die Künstler:innen der heutigen Zeit um? Wie fließt sie in deren Arbeit ein? Was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert? Auf der Suche nach den Antworten zu diesen Fragen habe ich mich mit evdokia michailidou getroffen. Sie ist Kölner Künstlerin, beschäftigt sich mit Malerei und Schriftstellerei für Theater, Ton- und Gedichts-Installationen. Gerade kommt sie von einer vierwöchigen Künstlerinnenresidenz auf der Museumsinsel in Hombroich bei Neuss zurück. Wir treffen uns in ihrem Atelier. Es ist voller Kunst, gemütlich, hell und einladend. Ich habe bereits mehrmals Stücke von evdokia gesehen, etwa ihre Lesung zu „ark – creature freedom as utopia“ von christi knak tschaikowskaja und das Stück „Wenn die Sonne geht“ von Ana Valeria González, bei dem evdokia die Regieassistenz übernommen hatte. Dementsprechend bin ich bereits ein bisschen mit ihrer Arbeit vertraut. Themen wie Klimawandel und Techniken wie Performativität tauchen dort immer wieder auf. Wir setzen uns und vertiefen uns direkt in ein Gespräch über Wahrheit und Hatespeech. Das alles sind Themen, die evdokia wichtig zu sein scheinen und auch in ihrer Arbeit reflektiert werden.

Theresa vom Populärkollektiv: Wie beeinflussen diese Themen deine Arbeit? Wie arbeitest du sie ein?

evdokia: Ich habe eigentlich keine direkte Methodik oder Strategie, weil sich das doch so eingeübt hat über die Jahre. Aber was ich sagen kann, ist, dass die Notiz immer am Anfang ist. Daraus entstehen Fragmente, und aus den Fragmenten entstehen dann weitere Überlegungen. Das ist auf der einen Seite die Verästelung, geht so weit, dass man sagen kann, dass daraus Stücke entstehen, also Prosa. Und was das Allerwichtigste ist: Immer im Austausch zu bleiben mit dem Ensemble. Also, man hat Menschen, mit denen man das zusammen macht. Es ist eigentlich eine Arbeit, die sehr individuell ist, an der man alleine arbeitet, und im nächsten Schritt immer jemanden mit und andere einbezieht. Dadurch entsteht eine gemeinschaftliche Arbeit. Also, es ist eigentlich beides. Man arbeitet für sich und mit anderen. Und für mich hat sich herausgestellt, dass das am produktivsten ist. Also erstaunlich ist, dass diese Gedanken, die man hat, diese Notizen, verwertet werden von anderen, miteinander mit dir zusammen. Es entsteht etwas Neues. Es bleibt aber immer noch ein Teil von dir drin, und du bist so am Ende auch zufrieden, weil du hast nicht das Gefühl, dass dir etwas überschrieben wurde, sondern du bist sozusagen mit den Menschen im Ensemble in einem Gemeinschaftswerk da.

Der Kölner Künstler Norman Junge (1938 – 2022) war deutscher Bildhauer und Illustrator, besonders bekannt für seine Kinderbücher. Du hast ja lange als künstlerische Mitarbeiterin mit Norman Junge gearbeitet. Hat sich das da eingespielt oder war das schon immer so?

Ich habe schon immer so gearbeitet, aber ja, mit Norman war das ähnlich. Der Unterschied zu Norman Junge ist folgender: Das war eine andere Generation, und Norman Junges Kreis war sehr maskulin. Also es waren fast nur Männer in Norman Junge’s Kreis. Denn zu der Zeit, in der Norman Junge studierte und sich als Künstler etabliert hat, war es eine sehr männliche Kunstwelt. Insofern war es für mich als junge Künstlerin damals mit seinen Gefährten schwieriger als heute mit den Absolventinnen und Absolventen der Akademien, die sehr divers sind. Das ist jetzt natürlich viel produktiver, viel besser und angenehmer für mich als in dem engen männlichen Kreis von Norman Junge. Mit Norman Junge selber gab es die Problematik nie, weil Norman Junge und ich immer sehr kollaborativ gearbeitet haben. Also fast ohne Grenzen, sehr freiheitlich. Ich kann wirklich mit aller Entschiedenheit behaupten, dass Norman Junge das voll so gelebt und gedacht hat, also Freiheit, Diversität ohne Ressentiments. Ich habe nur sehr wenige Menschen kennengelernt, die das so leben. Und selbstverständlich hatte Norman Junge sehr viele männliche Freunde, die das nicht wollen, die wollen unter sich bleiben in ihrem männlichen Kreis. Deswegen entstanden damals nicht so große Kollaborationen wie jetzt mit den jungen, diversen Künstlerinnen und Künstler.

Das ist sehr schön, mit diesen Kollaborationen meinst du beispielsweise deine Arbeiten mit christi knak tschaikowskaja und Ana Valeria González, richtig?

Das sind hervorragende Kollaborationen. Das ist die Arbeitsweise von beiden: Kollaborativ, offen, frei und mit viel Verständnis. Weil sie wirklich die Menschen in ihren eigenen Räumen lassen, ohne dass sie darin eingeengt werden. Die sind beide ganz, ganz tolle Performerinnen und Theatermacherinnen. Super! Also, ich habe mit beiden die besten Erfahrungen gemacht, muss ich wirklich sagen. Ich möchte das mit Ausdruck sagen, weil es war hervorragend. Sonst wären diese Stücke auch nicht so geworden.

Ein Thema, das dabei und auch in deinen anderen Arbeiten immer wieder aufkommt, ist Performativität. Wie definierst du diesen Begriff für dich?

Ich würde sagen, bei der Performativität der sprachlichen Bilder, mit denen ich mich beschäftige, geht es mir vor allen Dingen um die Bewegung, die in einem geistigen, psychischen Hergang vollzogen wird, in dem dann ein Bild in mir erscheinen kann. Ich habe das für mich so erarbeitet, dass ich in meiner Arbeit vor allem etwas sehe, was sprachlich etwas bewirken kann in mir, und das performt dadurch in mir. Das kann im besten Sinne etwas sehr Positives sein, und ich meine nicht nur Verstärkungen oder positive freundschaftliche Gespräche, sondern einen sehr starken Impact haben, vor allem auch negative, sprachliche Performance. Und ich glaube wirklich, dass die Bilder von Hate Speech so stark performativ eingreifen, dass sie das Selbstbild auch verändern. Also, wie kann es sein, dass ein kleines schwarzes Kind eine schwarze Puppe hässlich findet im Gegensatz zur blonden Puppe. Das hat mich sehr beschäftigt. Was passiert wahrscheinlich dadurch, dass dieses Kind die sprachlichen Bilder und die Ressentiments um sich herum verinnerlicht hat und sozusagen, ohne zu wissen, was es da eigentlich gerade gesagt hat, sich selbst negiert. Und das nenne ich Performance von Bildern, und das ist eine Bewegung. Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, wie die funktioniert. Es gibt dazu tatsächlich in der neueren Forschung wenig, aber gibt es neurobiologische Untersuchungen, also, wo dann graphischen Abbildungen, Computerabbildungen, geschaut wird, wie die biochemischen Prozesse im Gehirn auf bestimmte negative Hasssprache reagieren und wie nicht. Aber ich glaube, dass Performatives immer auch etwas ist, was aus einer sozialen Bedingung heraus entstehen kann. Also, es ist nicht für mich eine biologische Gewissheit. Ich grenze mich mit dieser Aussage ganz bewusst ab von allen Biologistischen und in irgendeiner Weise rassistischen Vorstellungen, die besagen, das ist aber in der Natur dieses Menschen. Das glaube ich nicht. Ich glaube, das ist erstens falsch und zweitens viel zu kurz gegriffen, einen Menschen nur auf seine Natur und seine Biologie zu begrenzen. Und das ist, in meinen Augen, aber auch nicht nur das soziale Konstrukt, es ist nicht nur die soziale staatliche Bedingung. Es ist darüber hinaus sehr viel mehr und wir müssen heute anfangen, einfach das alles mitzudenken. Also über das Intersektionale hinaus, wirklich alle Aspekte des Seins, einfach der Wesenhaftigkeit in einen Menschen denken. Und gleichzeitig glaube ich, dass das alles in einer Bewegung stattfindet, was diese Performativität ist.

In deiner Malerei arbeitest du ja sehr abstrakt, das war nicht immer so, oder? Wie hat sich das entwickelt?

Es war mir zu langweilig, immer nur figurativ zu malen. Ich finde, das Abstrakte hat so eine intentionale besondere Vorstellung von Kunst, was das Figurative eigentlich gar nicht kann. Auch Figuratives ist toll. Aber zu einem gewissen Zeitpunkt will man dann etwas anderes machen. So hat sich das so entwickelt. Als junges Mädchen habe ich selbstverständlich immer figurativ gezeichnet und gemalt. Irgendwann sieht das Auge noch was anderes im Bild. Weil man zeichnet ja das, was man auch sehen kann oder in dem Moment sieht. Und man sieht wirklich, wenn man figurativ zeichnet, auf einmal, dass die Zeichnung sich verändern kann. Und dann, just for Fun, macht man das und merkt: Oh, da ist eine ganz andere Intention. Da ist das Figurative noch mit drin, das kommt daher. Aber es hat eine neue Vorstellung erschaffen.

Es ist tatsächlich auch im Text so, dass man damit spielt. Dass man eine Form von Unberechenbarkeit da hineinbringt, und zwar durchaus auch in belletristischen gesetzten Büchern, also nicht nur in experimenteller Literatur oder Prosa. Und das ist ein sprachliches Spiel, so empfinde ich es. Also Humor dabei muss nicht immer offensichtlich sein. Bei Norman Junge, zum Beispiel, war das immer Understatement. Also, es muss nicht immer sein, dass Gelächter kommen. Es kann auch manchmal eine charmante Form von Schmunzeln hervorrufen. Ich bin aber auch durch Norman Junge auch sehr geprägt. Also ich kann dem gar nicht genug Wert beizumessen, wie viel ich durch diesen Mentor gelernt hab. Der war ja auch Dozent für mich, zu kunsthistorischen Wissen und Kenntnissen. Ganze Studien habe ich mit ihm meistens gemacht, also er hat mir diese Dinge erzählt, Bücher gegeben und mit mir darüber gelesen. Das kann ich gar nicht ja groß genug einschätzen.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben uns kennengelernt auf einer Veranstaltung, als ich noch relativ jung war. Im Theater im Bauturm auf einer Theaterveranstaltung, wo dann im Foyer Leute noch standen. Viele Künstlerinnen und Künstler, Musiker und Musikerinnen und dann sind wir zusammen ins Café Storch. Da saß dann auch Norman Junge und ich war damals sehr empfänglich für Alles, was mit Kunst zu tun hatte. Ich war sehr jung und ich wollte Kunst machen. Ich habe immer geschrieben und gezeichnet als kleines Mädchen. Das war für mich natürlich das Größte, jetzt echte Menschen kennenzulernen, die offensichtlich irgendwas damit zu tun hatten. Was genau, wusste ich nicht. Ich habe zum Beispiel mit Simon Nabatov dort gesessen und über philosophische Fragen diskutiert. Das war sehr schön, ich wusste gar nicht, wer das ist. Dann sechs oder sieben Jahre später sagte jemand: Weißt du eigentlich, wie das ist? Ich wusste nur, der macht Musik. Und dann stellte sich heraus, er ist ein Jazzpianist, der international arbeitet. Das war mir gar nicht klar. Keiner kam ja ins Café und hat groß herausposaunt, was er oder sie so macht.

Ähnlich war das mit Norman Junge. Er hatte zu dem Zeitpunkt schon viele Preise gewonnen, aber das war mir nicht klar. Wir waren uns einfach sympathisch und wir saßen zusammen und versuchten eine Videoinstallation zusammen zu konzipieren. Ich war dafür unglaublich offen, weil ich mir nichts Schöneres vorstellen, als so eine tolle Videoinstallation zu machen. Er hatte die Vorstellung, eine Kamera auf der Nase eines Hundes zu packen und der Hund wäre dann der Regisseur. Das war vor Youtube oder, mittlerweile wäre das nicht mehr so revolutionär wie damals. Ich habe dann tatsächlich zuhause angefangen, ein Drehbuch zu schreiben. Jedenfalls wurde aus der Videoinstallation nichts, aber die Zusammenarbeit mit Norman Junge ist geblieben.

Mittlerweile ist evdokia selbst etablierte Künstlerin und ist mit vielen Akteur:innen aus der Szene freundschaftlich verbunden. Daraus entstehen viele bewegende Projekte zusammen. Zuletzt war da wie gesagt der Aufenthalt im Gastatelier der Raketenstation in Hombroich mit abschließender Ausstellung an Ostern. Außerdem gab es die Ausstellung ArtArtist in Düsseldorf. Ende des Jahres kommt ein Theaterstück, zu dem bald mehr Infos folgen. Wir werden die Arbeit von evdokia auf jeden Fall weiterverfolgen und bedanken uns herzlich für das tolle Interview! Alles zu evdokias Terminen und zukünftigen Ausstellungen findet ihr hier.

Titelbild: CB

Hinterlasse einen Kommentar