Newcomer Ice Cream At The Alligator Park auf dem Green Juice Festival
„Schon krass, wenn man die Festival-Playlist hört und die eigenen Lieder kommen“, sagt Lukas. Er ist auf dem Weg zum Green Juice Festival. Der silberne 4er-Golf ist vollgepackt mit Zelt, Schlafsack, Essen, Pavillon und allem, was man für so ein Festival braucht. Dieses Mal ist er jedoch nicht nur Besucher, sondern auch Artist. Denn er ist Schlagzeuger bei der Band Ice Cream at Alligator Park. Hinter ihm im Auto fährt Nico. Die meisten sprechen ihn jedoch nur mit Foxy an. Nein, er hat keine roten Haaren, sondern wegen seines Nachnamens. Die zwei kennen sich schon ihr ganzes Leben lang. Aufgewachsen in der gleichen Stadt und nur wenige Meter voneinander entfernt, haben sie vor Jahren mit anderen Freunden beschlossen eine Band zu gründen. Einige Veränderungen in der Band später, spielen sie nun ihren ersten großen Festivalauftritt. Den haben sie sich sozusagen hart erkämpft. Beim Toys2Masters Bandcontest haben sie den Green Juice Sonderpreis abgeräumt and here they are: Vollbepackt und mit Sackkarre schleppen sie ihr Zeug zum Camping.
Der Parkplatz ist jedoch nur fünf Minuten vom Camping entfernt. Zack, zack sind die Zelte auch schon aufgebaut und die ersten Getränke werden geöffnet. Es ist definitiv nicht das erste Festival, dass sie in ihrem Leben besuchen. Entspannt sitzt die Gruppe auf ihren Campingstühlen um einen Tisch herum. „Ach, die Gesichter kennen wir doch“, sagt Lukas. Eine Gruppe junger Menschen sagt kurz Hallo und geht dann weiter. „Wer war das?“ – „Das waren Fans von uns“, sagt Lukas als wäre das was ganz Normales. Ice Cream at the Alligator Park kurz ICATAP haben im vergangenen Jahr einige Konzerte gespielt, bei denen sie die ein oder andere Person schon mit ihrer Musik überzeugen konnten. Kurz vor dem Festival haben sie die 1000 Followermarke bei Instagram geknackt. „Die hören unseren Song“, sagt Foxy ein wenig später und versucht zu lokalisieren, aus welchem potentiellen Camp die Töne erklingen. Ihrer Camping-Nachbarschaft erzählen die zwei nicht, dass sie am Samstag selbst auftreten werden. Gut, wenn man dafür Freund:innen hat, die das übernehmen, wenn sie grad nicht da sind. „Echt? Und die chillen hier jetzt auch mit auf dem Campingplatz? Cool!“ Ist die Reaktion der Campnachbarin. Sie versichert, dass sie am Samstag da sein wird. Auf diesem Festival sind auch nichts und niemand sicher vor ICATAP-Stickern.

Viel Zeit zum Entspannen bleibt am Anreisetage jedoch nicht. Denn der Campingplatz öffnet am ersten Tag des Festivals. Also geht es für alle ab in Richtung Gelände. Da geht es natürlich zum Artist Ticketing und schnell haben sie ihr Festivalbändchen. Nach der Taschenkontrolle erblicken sie die Bühne. „Schon groß“, sagt Nico. Die Aufregung steigt für einen kleinen Moment. An den Seiten der Bühne sind Bildschirme angebracht. Das wirkt direkt viel größer als die Bühnen in kleinen Clubs, wo sie sonst auftreten. Den Schlagzeuger kann man da oft nicht sehen, weil er ohne Podest hinter seinen Bandmitgliedern verschwindet. Auf der Bühne ist das kein Problem. Es gibt ein Podest fürs Schlagzeug und Kameras, die Nahaufnahmen des Konzerts auf den Bildschirmen übertragen.
Heute und morgen spielen jedoch erstmal andere Bands. Auf dem Line Up stehen unter anderen My Ugly Clementine, Dilla, Von Wegen Lisbeth, Blackout Problems und die Leoniden. Auf dem Gelände treffen sie auch Sängerin Miri. Die sonst nicht so scheue Miri, wirkt ungewöhnlich wortkarg. Der Blick auf die Bühne hat scheinbar auch ihr ein wenig die Sprache verschlagen. Sie hat sich kurzfristig dazu entschieden, doch nicht zu campen und zieht ein trockenes, warmes Bettchen einem Zelt vor. Das wurde ihr zum Schonen ihrer Stimme und Gesundheit von Foxys Mutter angeboten. Das Wetter ist nämlich an diesem Wochenende sehr wechselhaft. Um dem Schlamm vorzubeugen, haben die Veranstalter Sand vor die Bühne geschüttet. Weitere eher vernünftige Entscheidungen werden mit Blick auf den Auftritt getroffen. Nico und Lukas stürzen sich bei diesem Festival nicht in die Moshpits. Das Verletzungsrisiko sei zu groß. Das heißt jedoch nicht, dass nicht gefeiert wird. „Der schmeckt halt einfach gut“, sagt Lukas über den Green Juice, den Signature Cocktail des Festivals. Ab und an sieht man, wie die drei mit ungläubigen Blicken auf die Bühne schauen. So recht vorstellen, können sie es sich scheinbar noch nicht, dort aufzutreten.
Es ist Samstag. Today is the day. Morgens scheint tatsächlich mal die Sonne und das sogar länger als fünf Minuten. Einige Festivalbesucher:innen nutzen das sofort aus und gehen ins Freibad. Für ICATAP geht es Backstage. Bassist Felix und Gitarrist Lukas aka Cino stoßen dazu und damit ist die Band vollständig. Gestern gab es für die einen noch Dosenravioli, heute gibt es Catering, eine warme Dusche und sogar Physio. Dafür bleibt aber leider keine Zeit. Es gibt zu viel tu tun und zu gucken. Vor ihnen spielen die Rogers und das Gelände ist für 12:30 Uhr schon sehr gut gefüllt. Sie spielen ihren letzten Ton und die Menge jubelt. Die Hoffnung der Band war es, dass die Rogersfans vor der Bühne bleiben, aber sie verlassen die Fläche und es wird leerer. Eine Gruppe von Menschen geht dafür jedoch zielstrebig vor die Bühne. Eins haben sie alle gemeinsam: Irgendwo an ihrem Outfit findet man einen Alligator. Freunde und Familie von ICATAP sind natürlich da, um ihre Alligatoren zu unterstützen. So auch Lukas Eltern. Die müssen eigentlich auf ihre Enkelin aufpassen und deswegen hätte sich eine Tageskarte vom Preis her nicht gelohnt. Als letzten Versuch haben Sie einen Tag vorher die Veranstalter angeschrieben, ob es nicht vergünstigte Tickets gibt, da sie ja nur eine halbe Stunde bleiben können, erzählen sie. Am Samstagmorgen erhalten sie dann den Anruf, dass sie auf der Gästelist stehen – mit Enkelin natürlich.
Der Soundcheck beginnt und die ersten Jubelrufe erklingen. Die Stimmung ist gut. Die fünf verlassen die Bühne, um sie nur wenige Minuten später wieder zu betreten. Selbstbewusst gehen sie zu ihren Instrumenten. Von Aufregung sieht man nichts mehr. Die ersten Töne erklingen und nach und nach kommen immer mehr Besucher:innen vor die Bühne. Sie merken wahrscheinlich nicht, wie besonders der Moment für die Band auf der Bühne ist. 20 Minuten sind keine lange Zeit. Deswegen wird auf der Bühne nicht viel geredet, sondern einfach nur Musik gemacht.






Nach dem Auftritt geht es für Sängerin Miri an den Merchstand. Dort unterschreibt sie fleißig und macht Fotos mit altbekannten und neuen Fans. „Die haben mich voll ausgelacht“, sagt sie. Es geht um ihre Unterschrift. Erst hat sie vorbildlich mit ihrem vollen Namen unterschrieben, „wie ich halt vor zehn Jahren auch meinen Sparkassenvertrag unterschrieben habe.“ Sie lacht und wirkt deutlich erleichtert. Nachdem die Instrumente gut verstaut sind, kommt auch der Rest der Band mit strahlenden Gesichtern hinter der Bühne hervor. Ihr Freunde und Familienmitglieder warten schon und empfangen sie freudig. Können sie wirklich glauben, was da grade passiert ist? „Nicht wirklich“, sagt Lukas, „Ab und zu kam nur der Gedanke: Was ist hier eigentlich los?“ Viele Umarmungen später stehen sie vor der Bühne und schauen sich die nächsten Bands an. Jetzt ist kein Moshpit mehr sicher.
Wir danken dem Green Juice-Team, dass sie Newcomer-Bands und auch Blogs unterstützen.
Dieser Artikel wurde geschrieben von einer stolzen großen Schwester. The Drummer is my brother.
Fotogalerie + Titelbild: Martin Stolberger

2 Gedanken zu “Vom Zeltplatz auf die Bühne”