Die lesende Frau sucht Zuflucht (März)

Jeden Monat 2025 erscheint hier der Kunstkalender von Theresa. Sie schreibt über lesende Frauen, die von Frauen gemalt werden. Dieses Mal geht es um Vanessa Bell und ihre Tochter, hier zu sehen:

Interior with artists daughter (1935-36), Vanessa Bell

Letzten Monat waren wir noch bei Elisabetta Sirani und Melpomene. Mit einem frühlingshaften Sprung geht es nun 200 Jahre weiter. Wir befinden uns in einem ikonischen Haushalt: dem von Vanessa Bell, Schwester von Virginia Woolf. Auf dem Bild sehen wir ihre Tochter Angelica Garnett.

Die beiden lebten in ungewöhnlichen Verhältnissen. Vanessa war zunächst mit Clive Bell verheiratet, mit dem sie zwei Söhne hatte. Dann zog sie mit dem homosexuellen Maler Duncan Grant und dessen damaligen Freund David Garnett zusammen, blieb aber Clive freundschaftlich verbunden. So freundschaftlich, dass die Tochter Angelica, die sie mit Duncan hatte, den Nachnamen Bell annahm.

Angelica lebte in einem turbulenten Haushalt, den sie Jahre später in dem Buch „Freundliche Täuschungen“ als orientierungslos und manchmal belastend beschreiben würde. Angelica selbst wusste bis zu ihrem 18 Lebensjahr nicht, dass Clive Bell nicht ihr leiblicher Vater war. Später heiratete sie den ehemaligen Freund ihres Vaters, David Garnett, der zum Zeitpunkt der Hochzeit doppelt so alt war wie sie und hatte vier Töchter mit ihm.

Sie malte selbst, schrieb, setzte sich für Museen ein und betätigte sich sonst künstlerisch vielseitig. Über Angelica zu lesen, lässt mich ernüchtert zurück und wenn ich mir das Bild anschaue: Ihre Kindheit hat sie mit vielerlei Kunst und Büchern zusammengebracht, die sie frei ausleben konnte. Gleichzeitig muss es ein un-steter Haushalt gewesen sein, mit wenig anderen Kindern und voller Erwachsener (von denen einer später ihr Ehemann sein würde, der übrigens wohl schon bei ihrer Geburt einen Kommentar in die Richtung machte). Mit diesem Kontext erscheint das Bild für mich in einem anderen Licht. Ein Kind in einer vollen, farbenreichen und an Möglichkeiten überladenen Welt, das sich in ein Buch vertieft, auf zwei einfache, weiße Seiten. Es lässt mich uneins mit der Malerin und das Umfeld, in das sie ihre Tochter gebracht hat.

Dieser Artikel erscheint in unserem Kunstkalender für das Jahr 2025 zum Thema „Lesende Frauen“. Hier alle (bisherigen) Artikel in der Reihe: